Eine Hausaufgabe – von Inge Matschke aus der Reittherapie Ausbildung 2015

Hallo Sabine,

Friesen – Wallach, AMIGUR, 12Jahre

Christiane hat AMIGUR vor 3 Jahren gekauft, er war kaum eingeritten, es war keine Berührung am Kopf möglich, mehrere Wochen war er bei einem Bereiter. Seitdem ist Reiten mit Sattel möglich, gelegentliche Berührungen am Kopf auch.

AMIGUR will laut Christiane oft testen wer Chef ist und probiert Verschiedenes aus. Er will aber auch gefallen, will gezeigt bekommen, dass er Etwas gut gemacht hat.

Ich war in den letzten Wochen 6x mit AMIGUR und Christiane jeweils für ca. 2 Std. zusammen, um zu üben. Drei prägnante Termine beschreibe ich.

Ich möchte nicht nur die Auswirkung der Übungen beschreiben, sondern auch was ich insgesamt bei AMIGUR, Christiane und mir wahrgenommen habe. Ich hoffe, es ist Euch nicht zuviel zum Lesen, mir ist es jedoch ein Bedürfnis mitzuteilen, wie ich während meiner Übungen immer wieder bemerkt habe, welch Wirkung kleinste Veränderungen haben. Auch wie die eigene Wahrnehmung geschult wird, wenn Frau sich darauf einlässt.

Unser 1. Termin: wir Drei gehen auf den Reitplatz, ich frage Christiane, ob sie mal ohne Sattel reiten möchte, sie stimmt zu. Nachdem sie mir ihre Körperwahrnehmung mitgeteilt hat, beginne ich mit dem Ausstreichen der Beine, mache weiter mit dem Oktopus, weiter mit der Kuhzunge und dem Schulterheben kombiniert mit Griffen und Berührungen aus meiner intuitiven Massagetechnik. (zwischen den Übungen immer ein Nachfragen, wie fühlt es sich an, gibt es eine Veränderung?) Christiane fühlt ihren Körper anschließend leichter und entspannter. Nun streiche ich AMIGURS Beine und Fesseln aus, versuche seinen Schweif zu lockern – gelingt aufgrund einer Geschichte vom Vortag nur mäßig. Ich akzeptiere es, auch dass nur kurze Berührungen in seinem Pferdegesicht möglich sind.
Sie setzt sich auf AMIGUR, ohne Sattel, ungewohnt, neu, ein vollkommen anderer Bezug zum Pferd und – wie sich erst später herausstellt- ein lang ersehnter Wunsch von ihr. Nachdem das linke Bein weiter nach unten hängt, macht sie den Hahnenkamm, um ihr festes Becken zu lockern, dass Arme ausstrecken und aus der Hüfte drehen.
Anschließend die Übung:
Männchen auf Mähne ziehen mit dem diagonalen Gummiband. Während dieser Übungen führe ich AMIGUR: DAS bringt für uns Drei „Etwas“: Christiane kann sich ganz auf sich konzentrieren und ihren Körper bewusst wahrnehmen, sie gibt Kontrolle ab, was ihr schwer fällt, AMIGUR entspannt, geht ruhig mit gesenktem Kopf, schnaubt ab, und ich – ich freue mich, dass Christiane und AMIGUR sich so vertrauensvoll von mir führen lassen und Christiane sich aufgrund meiner Anwesenheit traut, ohne Sattel auf AMIGUR zu reiten (ihre Aussage). Ich fühle mich ge- und berührt und fühle, dass, das was ich da tue ganz tief aus meinem Innern kommt.

Nach verschiedenen Griffen, Berührungen zum Einstieg frage ich Christiane beim 5. Termin, ob sie ohne Sattel auch traben möchte. Erst verneint sie, aber dieses Nein ist ein Ängstlichkeits-Nein. Sie überlegt kurz, dann macht sie ihre Lockerungsübungen auf AMIGUR, Beide entspannen. Sie fängt an zu traben, ganz leicht, behutsam. Das Erstaunen ist bei Pferd und Reiterin zu spüren, es ist eine so stark wahrnehmbare Wechselwirkung die da zwischen den Beiden stattfindet: Christiane vertraut AMIGUR, vertraut sich, dass sie in der Lage ist, ihm eindeutige Signale zu geben, AMIGUR liebt es sich schneller zu bewegen, er spürt die Entspannung seiner Reiterin, ihr Vertrauen, er „freut“ sich, dass er „versteht“, was Christiane von ihm möchte, dass er Etwas richtig und gut macht.

Und dann sind sie eine Einheit, Christiane geht harmonisch in AMIGUR über, Christiane ist glücklich und strahlt. Mir kommen die Tränen bei diesem Anblick von Harmonie und Übereinstimmung.

 

Beim 6. Termin ist Christianes Freund dabei, er setzt sich ins Gras neben den Reitplatz. Er möchte von Christiane und AMIGUR ein Video machen, auch ich habe meine Kamera mitgenommen. Wir sind in der Hoffnung, dass eine Fortsetzung der vergangenen Stunde stattfinden wird. Ich mache bei Christiane Ausstreichungen, klopfe sie ab, bei AMIGUR Schweif lockern, wir stimmen uns auf uns und was wir wollen ein.

 

Christiane sitzt auf. Sie sitzt sich erst ein, denke ich, doch sie wird nicht locker. Ich gehe zu ihr und sage: darf ich Dich Etwas fragen? Doch statt meiner Frage zuzustimmen, gibt sie mir gleich die Antwort: mein Freund stört mich. Ein Bedauern befällt mich, dass die Anwesenheit ihres Freundes sie so verspannt.

 

Sie macht den Eindruck sich Etwas beweisen zu müssen. Sie ist zu fest, sie will Druck ausüben. AMIGUR merkt das, er hört nicht auf sie, vielleicht lenkt ihn auch das zweite Pferd auf dem Platz ab? Er merkt ihre Ungeduld, ich denke, sie fühlt sich beobachtet, sie will, dass es so ist wie das letzte Mal – aber sie ist nicht so wie das letzte Mal. So frei und unbeschwert und ohne inneren Druck.

 

Sie will in die Halle, wo kein zweites Pferd ist, ich versuche sanft auf sie einzuwirken zu bleiben, sage ihr nichts von dem, was ich glaube wahrgenommen zu haben, sondern, dass nur sie und AMIGUR wichtig sind, sie sich und mir nichts beweisen muss! – Es nützt nichts, sie will in die Halle. Doch auch dort keine Veränderung – angestrengt ist ihr Wollen. Es macht mich traurig. Ich führe sie zwischendurch, damit sie abspannen und ihren Körper wahrnehmen kann.

 

Ich spreche leise mit AMIGUR und sage ihm, dass mit ihm alles gut ist. Dann beenden wir das Üben, ich behalte meine Eindrücke für mich, um Christiane in ihrer Anspannung und frustrierten Stimmung nicht zuviel überzustülpen. Wahrscheinlich wird sie auf das Eine oder Andere selbst kommen, da sie eine sensible Wahrnehmung hat.

Liebe Grüße

Und bis bald Inge

 

Vielen Dank liebe Inge für das Teilen Deiner berührenden Erlebnisse und vielen DANK für Deine gute und einfühlsame Arbeit!