Samira war ein Haflinger und wurde, wie so viele Haflinger, gezüchtet weil es rentabler war die Mutter zu decken und das Fohlen entweder zu verkaufen oder dann zum Schlachtpreis abzugeben. Eine Frau kaufte sie und päppelte sie auf und mit 3 Jahren kam sie zu mir. Ich vermute heute, dass die Frau mit ihr nicht gut klar kam. Samira war ein fett gefressenes Tier und wenn es um Futter ging war sie kaum zu halten. Sie wurde „sierert“ würde man hier im Fränkischen sagen. Gierig und nicht mehr ansprechbar. Sie rannte auf den Eimer zu, egal ob da noch ein Mensch stand. Der wurde entweder mitgerissen, ließ die Leine los oder er wurde mit ihrer Schulter weggeschubst.

Keine böswillige Absicht

Samira hatte mit großer Sicherheit als Fohlen erlebt wie es ist länger zu hungern. Das zeigt obiges Verhalten und auch wie sie auf der Weide fraß. Sie verspeiste das Gras schneller als alle anderen und war wie der sprichwörtliche Rasenmäher.

Grenzenlos – ohne Körperbewusstsein

Dass sie Leute, die mit ihr umgingen, über den Haufen rannte, hinter sich herzog oder an der Stalltür abstreifte und alleine in den Stall ging, war bei ihr an der Tagesordnung. All dies und was ich oben bereits beschrieben habe, bestätigten die Symptome auf ein Trauma in ihrer Kindheit. Denn auch traumatisierte Menschen verhalten sich je nach Ausprägung ähnlich. Wenn sie noch in diesem Traumazustand verhaftet sind, haben sie wenig Körpergefühl, kein Bewusstsein für andere, sind desoziiert (nicht in Verbindung mit sich, ihrem Körper, der Geist ist nicht anwesend).

Über ein Jahr Arbeit

Um überhaupt an sie heranzukommen, ihr einen Weg zu zeigen sich für ihre Umwelt zu öffnen und ihr zu zeigen, dass es auch noch anderes gibt das Freude macht, dauerte länger als ein Jahr.

Der Durchbruch

Neben der Körper- und Bodenarbeit kam der wesentliche Durchbruch durch eine Freiarbeitseinheit in der Halle. Wir haben sie in der Halle laufen lassen und wollten sie nur ein bisschen bewegen. Samira ging selbständig auf dem Zirkel und lief sich in Trance. Sie war nicht mehr ansprechbar und man konnte weder einen Richtungswechsel noch ein Stoppen erreichen. Sie lief wie „am Schnürchen“, wie aufgezogen und stoppte nicht mehr. Ich musste mich ihr in den Weg stellen und sie am Halfter packen und laut „Samira“ rufen, bis sie wieder in unsere Welt kam. Durch die Bewegung hatte sie sich selbst völlig „verlassen“. Das sind ebenfalls Symptome die auf ein Trauma hindeuten, wie ich durch die Körperarbeit mit Hakomi und Feldenkrais erfahren habe. Auch dass Bewegungen oder Situationen das Trauma bzw. die Erinnerung an das Trauma sozusagen wieder aktivieren können.

Wieder in Kontakt

Samira kam durch den Kontakt mit mir – das Anhalten und Festhalten ihres Halfters, wieder in ihren Körper zurück und war unendlich traurig. Eine riesige Welle von Trauer schwappte zu uns, so viele Tränen die von ihr nicht geweint werden konnten. Pferde sind leider nicht in der Lage, wie wir Menschen, um unseren Schmerz zu weinen. In dieser Einheit hatte ich eine menschliche Assistentin und uns kamen die Tränen. Wir waren dem Schmerz von Samira so nah – so sehr in Resonanz mit ihr. Wir weinten für Samira.

Auch Samira bekam feuchte Augen und eine Träne trat hervor. Ihr ganzer Schmerz wurde darin sichtbar. In dem Moment hatten wir eine sehr starke Verbindung zu ihr und dadurch dass wir sosehr in Resonanz gegangen sind und ihre Tränen zugelassen hatten, änderte sich auch etwas für Samira. Sie wurde offener und uns Menschen zugewandter, ließ sich leichter handeln und hielt es besser aus wenn die Pferdegruppe mehr Abstand zu ihr hatte. Auf der Koppel reduzierte sich ihre Fressgeschwindigkeit um mehr als die Hälfte.